Ausgangslage: Pendeln im ländlichen Österreich
Krummnußbaum liegt im Mostviertel, nahe der Donau – und ist damit ein typischer ländlicher Industriestandort Niederösterreichs. Die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ist, wie so oft im ländlichen Raum, suboptimal. Der PKW ist für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht Wahl, sondern schlichte Notwendigkeit.
Genau in diesem Umfeld durfte foama gemeinsam mit der Firma Rath ein Projekt im betrieblichen Mobilitätsmanagement durchführen – möglich gemacht durch das Engagement von Torsten Longerich, der das Projekt intern auf den Weg gebracht hat.
Das Projekt wurde von der Wirtschaftskammer Niederösterreich gefördert und von April bis Juni 2026 durchgeführt.
Projektziele und Vorgehen
Drei klare Ziele wurden zu Beginn gemeinsam definiert:
- Arbeitswege erfassen – Wie kommen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tatsächlich zur Arbeit? Was ist der aktuelle Modal Split?
- Bewusstsein schaffen – für nachhaltige, umweltfreundliche und gleichzeitig kostensparende Mobilitätsalternativen.
- Fahrgemeinschaften fördern – als niederschwelliger, sofort umsetzbarer erster Schritt.
Diese Ziele passen nahtlos in die strategische Ausrichtung von Rath: Im Nachhaltigkeitsbericht der Rath-Gruppe sind Sicherheit, Nachhaltigkeit und wachsende ESG-Anforderungen bereits fest verankert. Das vorliegende Mobilitätsprojekt schließt direkt an diese Linie an.
Das Projekt startete mit einer Begehung vor Ort, bei der alle mobilitätsrelevanten Punkte besprochen und die vorhandene Infrastruktur gesichtet wurden. Parallel wurden zahlreiche Daten übermittelt: Fuhrparkdaten, Parkplatzauslastungen, Arbeitszeitregelungen, Schichtpläne und vieles mehr.
Alle relevanten Stakeholder wurden von Beginn an eingebunden: Geschäftsführung, Produktion, Instandhaltung, Qualitätsmanagement, Health Safety & Environment (HSE) und HR. Betriebliches Mobilitätsmanagement ist kein reines HR-Thema – es ist ein unternehmensübergreifendes Querschnittsthema.
Datenerhebung: die foama-Umfrageserie
Nach der Begehung wurde die foama-Umfrageserie an die spezifischen Bedürfnisse und Rahmenbedingungen von Rath in Krummnußbaum angepasst. Über fünf Wochen erhielten teilnehmende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufeinander aufbauende E-Mails mit gezielten, kurzen und personalisierten Umfragen.
Der entscheidende Unterschied zu klassischen Mobilitätsbefragungen: Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer erhielt individuell zugeschnittene Analysen zurück – inklusive persönlichem Einsparpotenzial und konkreten Mobilitätsempfehlungen basierend auf dem eigenen Wohnort und den eigenen Gewohnheiten.
„Eine klassische Umfrage nimmt. Die foama-Umfrageserie gibt Mehrwert zurück – für das Unternehmen und für jede:n einzelne:n Mitarbeite:rin."
Das ist kein unwichtiges Detail: Wer eine Befragung mit einem persönlichen Nutzen verknüpft, erzielt deutlich höhere Qualität und Teilnahmerate.
Ergebnisse: Was die Daten zeigen
Ein Fünftel der Belegschaft nahm an der Erhebung teil – auf den ersten Blick überschaubar, aber ausreichend für belastbare und aufschlussreiche Ergebnisse.
Modal Split: Erwartbar PKW-dominiert
Die Verkehrsmittelverteilung bestätigt das für einen ländlichen Industriestandort erwartbare Bild:
- 89 % der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter reisen alleine mit dem PKW an
- 7 % nutzen öffentliche Verkehrsmittel
- 4 % kommen zu Fuß, mit dem Fahrrad oder E-Bike
Weiteres kombinieren 14 % mehrere Optionen (z. B. PKW alternierend als Fahrer und Mitfahrer).
💡 Das überraschende Potenzial
Auf den zweiten Blick zeigt sich ein ganz anderes Bild. Die Erreichbarkeit des Standorts ist deutlich besser als die aktuellen Pendelmuster vermuten lassen: Jeweils 20–30 % der Befragten besitzen ein Fahrrad, ein E-Bike – oder könnten theoretisch mit öffentlichen Verkehrsmitteln pendeln, ohne wesentlich mehr Zeit aufzuwenden.
Konkret:
- Ein Drittel der Mitarbeiterinnen kann den Standort in 20 Minuten mit dem Fahrrad erreichen
- 37 % können den Standort in 30 Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen
Ein Weckruf: Hier schlummert gehöriges Potenzial für weiterführende sensibilisierende Maßnahmen.
CO₂-Fußabdruck der Belegschaft
Die Pendeldaten ergaben: Durchschnittlich 1.130 kg CO₂ pro Mitarbeiter pro Jahr werden allein durch den Arbeitsweg emittiert – das entspricht etwa 1,13 Flügen von Wien nach Berlin, pro Person, jedes Jahr.
Kostenpotenzial: Bis zu 186.000 € jährliche Einsparung
Jede teilnehmende Person erhielt eine persönliche Mobilitätsempfehlung. Würden alle Mitarbeiterinnen die für sie optimale Alternative zum jeweiligen aktuellen Verkehrsmittel nutzen, ergibt sich folgendes Bild:
- Durchschnittliche Mobilitätskosten im Status Quo: 3.500 € pro Person und Jahr (inkl. Wertverlust bei PKW)
- Durchschnittliches Einsparpotenzial mit empfohlenem Verkehrsmittel: 1.500 € pro Person und Jahr
- Extrapoliert auf die gesamte Belegschaft: über 186.000 € jährliche Einsparung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – allein durch den Umstieg auf Fahrrad, E-Bike, öffentliche Verkehrsmittel oder den eigenen zwei Beinen
ℹ️ Hinweis
Diese Zahlen entstehen nicht durch unrealistische Szenarien, sondern durch datengetriebene, individuelle Berechnung auf Basis des tatsächlichen Wohnorts und der tatsächlichen Arbeitswege jeder teilnehmenden Person.
Zufriedenheit und Schmerzpunkte
Die Zufriedenheit mit dem Arbeitsweg liegt im Schnitt bei 4,2 von 5 Sternen – ein positiver Ausgangswert. Dennoch gibt es klare Schmerzpunkte, die im qualitativen Feedback auftauchen: Am häufigsten werden schlechte ÖV-Verbindungen sowie Verspätungen und Ausfälle genannt.
Als Verbesserungswünsche nannten die Mitarbeitenden vor allem: Jobbikes, E-Bikes, E-Scooter und eine bessere öffentliche Anbindung.
Spritpreise als Treiber
Steigende Treibstoffkosten sind in der Belegschaft deutlich spürbar:
- Zwei Drittel fühlen sich durch teuren Sprit zumindest teilweise finanziell belastet.
- 25 % haben ihr Mobilitätsverhalten deswegen bereits verändert.
- 40 % würden ihr Verhalten gerne ändern, finden aber keine passenden Alternativen.
Fahrgemeinschaften: Großes Potenzial, wenig Erfahrung
Carpooling ist in der Belegschaft noch wenig verbreitet – das Interesse ist entsprechend gering. Wer es nicht kennt, will es nicht. Wer es kennt, weiß, dass es umständlich sein kann. Und dennoch:
- Ein Viertel der Befragten möchte aktiv mit potenziellen Mitfahrerinnen vernetzt werden.
- Laut Erreichbarkeitsanalyse könnten 43 % Fahrgemeinschaften bilden, ohne nennenswerte Umwege in Kauf zu nehmen.
Hier schlummert enormes Potenzial, das durch gezielte Information und die richtigen digitalen Tools gehoben werden kann.
Empfohlene Maßnahmen
Auf Basis der Erhebungsergebnisse wurden konkrete Maßnahmen für Rath in Krummnußbaum abgeleitet:
- Jobbike-Leasing einführen – Leasingfahrräder mit Gehaltsumwandlung ermöglichen erhebliche Steuervorteile für Arbeitgeber und Mitarbeiterinnen gleichermaßen.
- Fahrgemeinschaften mit einer Pendler-App fördern – niederschwellig, sofort umsetzbar, mit hohem Hebel. Die Daten zeigen, wo Fahrgemeinschaften machbar sind. Jetzt braucht es nur noch die nutzerfreundliche Plattform.
- Jobtickets einführen – als steuerlich begünstigten Zuschuss zu öffentlichen Verkehrsmitteln.
- Sichtbarkeit und Erreichbarkeit des ÖV erhöhen – Viele Mitarbeiterinnen wissen gar nicht, dass sie in 30 Minuten mit dem Bus zur Arbeit kommen könnten. Gute Kommunikation ist hier der erste und günstigste Schritt.
Mehrwert für Rath – und was andere Unternehmen daraus lernen können
Das Projekt liefert für Rath konkreten, messbaren Mehrwert auf mehreren Ebenen:
Attraktive Arbeitgebermarke
In Zeiten steigender Mobilitätskosten werden Arbeitgeber, die aktiv beim Pendeln unterstützen, als zukunftsorientiert und fürsorglich wahrgenommen. Das ist Employer Branding mit echter Substanz.
Gesündere und motiviertere Belegschaft
Aktiv pendeln – zu Fuß, mit dem Rad oder E-Bike – bedeutet mehr Bewegung, mehr Ausgeglichenheit und weniger Krankenstandstage. Was gut für die Mitarbeitenden ist, wirkt sich direkt auf Produktivität und Betriebsklima aus.
Effizienz bei Fuhrpark und Parkplätzen
Weniger PKW-Pendler:innen bedeuten weniger Parkplatzdruck und neue Gestaltungsspielräume bei Dienstreiseregelungen und Fuhrparkmanagement.
ESG & CSRD-Compliance
Die Erhebung liefert exakt die Daten, die für Scope-3-Reporting nach CSRD benötigt werden – als Nebenprodukt eines Projekts, das gleichzeitig echten Mehrwert für Mitarbeiterinnen schafft.